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Anlässe und Arbeit in der Karriereberatung

artop, Karrierecoaching

Karriereberater/innen unterstützen Menschen bei der Navigation durch den Dschungel der beruflichen Orientierung und Entwicklung. Welche Fragestellungen von Klientinnen und Klienten begegnen Berater/innen dabei?

Anlässlich des Beginns der Ausbildung Karrierecoaching haben wir  unsere Erfahrungen aus der Beratung ausgewertet und Stimmen von Klientinnen und Klienten gesammelt, die wir in den letzten Jahren in der beruflichen Orientierung begleiteten.

Die folgenden Fallvignetten geben einen Einblick, welche Fragen Menschen bewegen, die sich beruflich neu- oder umorientieren. Außerdem beschreiben sie wichtige Entwicklungen im Beratungsprozess, der oft Fragestellungen offenbarte, die am Anfang so nicht sichtbar waren.

Die Geschichten illustrieren, welche Herausforderungen Karriereberater/innen in ihrer Arbeit mit den Klientinnen/Klienten erwarten.

Farida, 26, angehende Programmiererin

„Nun bin ich am Ende des Studiums angekommen und habe doch bisher nie die Möglichkeit gehabt, mich mal mit mir selbst zu beschäftigen. Ich möchte eine innerliche Inventur machen – was kann ich und was will ich eigentlich? Ich möchte mir klarer werden über mich selbst: Was fühle ich? Was brauche ich?"

In den Treffen der Beratung erarbeitete sich Farida einen Überblick über ihre aktuelle Lebenssituation, über ihre Herkunft, ihre Werte. Sie wurde sich über ihre Stärken, Talente und Wünsche klarer und warf einen Blick in die Zukunft. Sie profitierte davon, so viele Zugänge angeboten zu bekommen – und im Zusammenklang setze für sie ein Klärungsprozess ein. Ein wichtiger Fokus dabei war die Auseinandersetzung mit den Erwartungen und kulturellen Prägungen aus ihrer Herkunftsfamilie: „Was sind wirklich meine Werte und Ziele, welchen Überzeugungen möchte ich nicht folgen?“ Ihr wurde deutlich, dass ihr Wunsch nach harmonischen Beziehungen und Anerkennung sie auch dazu führte, wichtige Anteile von sich selbst nicht wahrzunehmen. Sie erlaubte sich die Frage: „Welche Personen unterstützen mich auf meinem Weg, und wer sind schlechte Ratgeber?“

Stephanie, 29, Kommunikations- und Interfacedesignerin

„Seit mehreren Jahren arbeite ich als Kommunikations- und Interfacedesignerin und merke, dass ich permanent unzufrieden bin. Ich weiß aber auch gar nicht, was anderes für mich in Frage kommt. Das macht mich traurig und ich merke, dass ich so für mich allein nicht weiter komme. Deshalb suche ich nun in einer professionellen Selbsterfahrung nach Antworten. Ich möchte gern den Kern meiner eigenen Kraft entdecken und ihr Ausdruck geben. Mein Wunsch ist es, ein Ziel zu haben.“

In der Beratung konnte Stephanie Stärken, Werte und Umweltbedingungen ihrer gewünschten Arbeit formulieren, über die sie schon ausgereifte Vorstellungen hatte. Ihr half es, durch aktives Einholen von Feedback Ideen für konkrete Berufsfelder zu bekommen, in denen sie genau richtig wäre. Dies bestärkte sie darin, den nächsten Schritt zu gehen: Auszuprobieren und zu testen, wo sie Freude empfindet und Kraft entwickelt. Sie setzte sich nun damit auseinander, was sie davon abhielt. Sie erkannte ihre Angst vor dem Scheitern und fand einen Weg, nicht mehr ihr allein zu glauben. Dazu gehörten auch Erfahrungen des Scheiterns an ihren eigenen Ansprüchen im Coaching. Sie berichtet: „Die Bewusstmachung von inneren Stimmen hat ... (mir) ... viel Mut und Kraft gegeben. ‚Ich darf das’ hängt noch an meiner Wand und war irre befreiend und bekräftigend.“

Claudia, 45, Juristin

„Meine Kinder sind flügge geworden und brauchen nicht mehr meine ganze Aufmerksamkeit. Ich überlege nun, was meine nächste Lebensaufgabe sein kann – meine Beziehung, ein soziales Engagement, oder die Arbeit? In meiner aktuellen Tätigkeit in der Verwaltung fühle ich mich inzwischen unterfordert. Ich möchte Anteile von mir leben, die in meiner Arbeit bislang keine Rolle gespielt haben: mehr führen und repräsentieren. Gleichzeitig weiß ich nicht, ob ich meine Fähigkeiten da realistisch einschätze, denn in meinem Team gibt es kaum Kommunikation und Entwicklungsgespräche. Mir fehlt ehrliches Feedback.“

Claudia erarbeitete sich im Rahmen einer Biographiearbeit einen Überblick über ihr bisheriges Leben und ihre Sinnerfahrungen. Sie entschied, sich mehr auf ihre professionelle Etablierung zu fokussieren und ein gemeinsames Projekt mit ihrem Partner aufzubauen. Für die Konkretisierung ihrer Pläne fehlte Claudia bisher in ihrem privaten wie beruflichen Umfeld ein echter Sparringspartner. Sie fühlte sich allein, hatte schon viel über sich selbst nachgedacht, aber kam an entscheidenden Stellen nicht weiter. In der Beratung war es für sie deshalb besonders hilfreich, in ihrer aktuellen Situation gehört und verstanden zu werden und (zu wagen) sich zu zeigen. Das Feedback zu ihren Stärken und Talenten – auch durch Freunde – half ihr, Selbstvertrauen zu gewinnen. Nicht zuletzt: Die Arbeit mit emotionalbasierten Methoden führte sie als Denk-Spezialistin zu vertieften Selbsterfahrungen, die ihr wegweisende Einsichten vermittelten.

Helene, 55, Wirtschaftswissenschaftlerin

„Ich befinde mich in einer Situation, in der es mir beruflich nicht mehr gut geht. Ich arbeite als Leitung im sozialen Bereich, leiste sehr viel und fühle mich inzwischen häufig überfordert. Mir ist wichtig, mich intensiv damit auseinanderzusetzen, ob es beruflich noch mal eine Veränderung für mich geben kann. Eine Freundin von mir ist erkrankt und ich merke, wie wertvoll mir die Jahre des Lebens werden – und mit Mitte 50 stehen mir noch gute Jahre im Beruf bevor, so dass es sich lohnt, noch mal genauer hinzugucken.“

In der Beratung zeigte sich, dass Helene bisher von der inneren Stimme getragen wurde, etwas Großes zu erreichen und stark zu sein. Seit ihrer Kindheit in einem unterstützungsarmen Umfeld kämpfte sie für ihr hohes Bildungsniveau und ihr gesellschaftliche Anerkennung. Sie bemerkte, dass sie erreicht hatte, wofür sie bisher lebte und an einem Punkt angekommen war, an dem es keine Pläne und Ziele mehr gab – und auch keine Orientierung. Ein großer Wendepunkt. Sie erkannte die Stimme, die sie ihr Leben lang angetrieben hatte, als nicht mehr befriedigend und begann eine andere, leisere zu hören: „Ich merke nun, wieviel Kraft mich das kostet und wieviel Raum das nimmt. Mein Mann, mein Freunde, meine Erholung und meine Lebensfreude kommen zu kurz.“ Sie begann, Vorstellungen darüber zu entwickeln, wie es aussehen kann, im Einklang mit Ihren neuen Wünschen zu arbeiten und leben. Sie entwarf verschiedene Zukunftspläne, um diese umzusetzen.

Karriereberatung benötigt Fach-, Personen- und Prozesskompetenzen

Diese vier erzählerischen Einblicke zeigen, dass Karriereberatung oft eine große Bandbreite an Themen berührt: von pragmatischen bis hin zu existentiellen Fragen unserer Klientinnen und Klienten. Um darauf gut antworten zu können, benötigen Karriereberater/innen Kompetenzen in mehreren Dimensionen.

Karriereberater/innen benötigen zum einen Wissen zu fachlichen Themenschwerpunkten der beruflichen Orientierung. Nur so können sie die zentralen Fragen, die sich in der Beratung stellen, erkennen und adressieren. Diese Themen umfassen z.B.

  • Bilanzierung und Standortbestimmung
  • Arbeit mit Werten, Sinn und Sinnverwirklichung
  • Arbeit an der Biographie
  • Arbeit an Ressourcen und Stärken
  • Visionsarbeit
  • Unterstützung bei der Umsetzung von Vorhaben

Die zweite wichtige Dimension ist die Ebene der psychologischen Arbeit. Damit sie Klientinnen und Klienten in den Fahrwassern der Weiterentwicklung gut beistehen können, sollten Karriereberater/innen wissen, welche Phasen jemand durchläuft, wenn Veränderung bevorsteht. Sie sollten die Besonderheiten dieses Prozesses kennen, der eigenen Gesetzen unterliegt. Welch große Rolle die psychologischen Fragen in einer Karriereberatung spielen, wird von Klientinnen und Klienten wie Beraterinnen und Beratern häufig unterschätzt. Denn gerade durch Denkmuster, feste Überzeugungen, übernommene familiäre Aufträge und auch Widerstände gegen das Erleben von Gefühlen erleben sich Klientinnen/Klienten als blockiert. Eine der wichtigsten Aufgaben ist die Arbeit zur Bewusstwerdung von Konditionierungen und Grundüberzeugungen, denn es bringt oft den ersten Schritt der Veränderung, wenn Klienten das Gefühl haben, festzustecken. Karriereberater/innen benötigen deshalb psychologisches Wissen, Methoden und Feingefühl, um der Komplexität eines solchen Begleitprozesses gerecht werden zu können.

Die dritte Dimension ist die der Prozessbegleitung. Für Klientinnen und Klienten bedarf es eines sicheren Rahmens, damit eine produktive Erforschung und Entwicklung stattfinden kann. Diesen Rahmen zu bieten heißt für die Berater/in, im Geschehen zwischen „Ich“ und Du“ präsent zu sein, mitzuschwingen, Momente von Stille sich entfalten zu lassen; offen zu sein, für das, was entstehen will, im passenden Moment zuzupacken.

Die vierte Dimension ist die der Selbstentwicklung der Berater/in. Denn in der Beratung sind die Berater/innen selbst ihr wesentliches Instrument. Je besser sich die Berater/in kennt, umso wirksamer kann sie handeln. Achtsamkeit, die Bereitschaft, in Begegnungen zu lernen und sich berühren zu lassen und Freude an der eigenen Selbsterforschung sind dafür hilfreiche Voraussetzungen.

Kompetenzen ausbauen: Ausbildung zum/zur Karriereberater/in

In diesem Jahr startet zum zweiten Mal die Ausbildung Karrierecoaching. Sie unterstützt Coaches und Berater/innen dabei, Menschen in beruflichen Orientierungsprozessen bei der Erforschung ihrer inneren Perspektiven zu helfen. Wir freuen uns, diese Ausbildung weiterhin anbieten zu können und sind dankbar für die vielen positiven Resonanzen aus unserem Beratungsumfeld.

In fünf Modulen arbeiten die artop-Beraterinnen Jana Löffler und Kathleen Grieger gemeinsam mit Ragna Lienke, der Berliner Karriereberaterin Brigitte Scheidt und Gästen, um den Teilnehmenden zu ermöglichen, ihre Kompetenzen in den beschriebenen Bereichen zu stärken. Mit Kopf, Herz und Hand erarbeiten Ausbilderinnen und Teilnehmenden praktische und theoretische Grundlagen zu diesem besonderen Beratungsfeld.

Das nächste Curriculum der Ausbildung Karrierecoaching startet im April 2018. Sie findet in unseren Seminarräumen in Berlin, Prenzlauer Berg statt. Die nächsten Informationsabende zur Ausbildung finden am 17.01.2018, 19.30 Uhr und am 15.03.2018, 18.30 Uhr statt. Die Ausbildungsleiterinnen Jana Löffler und Kathleen Grieger werden die Ausbildung vorstellen und für Fragen zu Inhalten, Ablauf und Einstiegsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Sie sind herzlich eingeladen! 

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