Willkommen im Dschungel der Organisation: Ein Plädoyer für Führung

Willkommen im Organisations Dschungel

Die Führungsfunktion braucht in aktuellen Zeiten in Organisationen viel mehr Aufmerksamkeit, als wir es oft beobachten. Unser Kollege Frank Schmelzer hält hier ein flammendes Plädoyer, Führung ernst zu nehmen.

Organisationen sind aus den ruhigeren Fahrwassern der industriellen Moderne in die bewegteren Fahrwasser der globalisierten Spätmoderne geraten. Die Organisationen haben sich entsprechend in den letzten fünfzig Jahren enorm verändert. Manche früher und manche später.

Während die industrielle Moderne durch hohe Standardisierung (Taylorismus) hohe Stabilität gewährleisten konnte und es in Organisationen eher um die Aufstellung und Einhaltung von Regeln ging, erleben die spätmodernen Organisationen und ihre Umwelten einen enormen Flexibilisierungsschub. Alles wird dynamischer und die Halbwertzeit von Regeln sinkt flott.

Während Organisationen/Führungskräfte früher ihren Kahn (um in der Metapher des Fahrwassers zu bleiben) mehr auf Autopiloten stellen konnte, müssen sie in bewegteren Fahrwassern sehr viel stärker bewusst lenken, immer wieder achtgeben, ob sie ihren Kurs überhaupt halten und sich darauf einstellen, dass sich ihr Ziel verändert.

Was heißt das nun eigentlich für die meisten Organisationen? Es stellen sich a) viel mehr Fragen; b) gibt es viel mehr Antworten und damit Lösungsoptionen und c) die Entscheidungen sind kaum berechenbar (und sollen am besten noch ganz schnell kommen).

a) Organisationen sind heute deutlich dynamischeren Umwelten ausgesetzt. Um eine gute Kopplung bzw. Passung beizubehalten und gleichzeitig handlungsfähig zu sein, braucht es eine gute Balance aus Öffnung für neue Impulse einerseits und Verhinderung von weniger relevanten Irritationen andererseits. Der Pol „Öffnung“ hat jedoch in den letzten Jahrzehnten stark an Bedeutung gewonnen.

b) Früher gab es Experten, meistens einige wenige, und die haben entschieden. Heute gibt es zahlreiche Expertisen, Wertekonflikte und Interessenunterschiede. Diese führen zu einer Vielfalt an Ideen, und es kommt zu vielfältigen Lösungsalternativen.

c) Die Zeiten, in denen Führungskräfte die eine beste Lösung errechnen konnten, sind zumeist vorbei. Von den attraktiven Alternativen weiß keiner genau, welche mehr Erfolg für die Zukunft verspricht. Um es noch einmal mit Heinz von Foerster ganz fachlich zu sagen: Nur unentscheidbare Situationen müssen entschieden werden! Alles andere hat eine berechenbare beste Lösung.

Was heißt das nun weiter? Mehr Fragen und mehr Antworten führen zu einem starken Bedarf nach Entscheidungen und damit zu einem starken Bedeutungszuwachs der Funktion Führung.

Während Inhaber von Führungsrollen sich in der Moderne stärker mit dem Einhalten der Regeln und den damit verbundenen Disziplinierungen beschäftigen mussten und damit die Organisation eher verwaltet haben, müssen nun eben jene Inhaber von Führungsrollen diese Regeln kontinuierlich in Frage stellen, anpassen oder ganz neu entscheiden. Konkret heißt das zwei Dinge:

  1. Das Verhältnis von „spontan bzw. akut Entscheiden“ und „Definieren von Regeln“ verändert sich zugunsten des ersterem, dem Entscheiden. Klarheit entsteht nun oft nicht durch eine Regel, sondern durch eine Entscheidung, die bis auf weiteres gilt.
  2. Die Spielregeln oder auch Rahmenbedingungen (Entscheidungsprämissen) verlieren schneller ihren Nutzen und werden entsprechend in Frage gestellt. Inhaber von Führungsrollen verbringen mehr Zeit mit der Neugestaltung von Spielregeln und Rahmenbedingungen wie neuen Prozesse, Kommunikationswegen, Strategien etc. Sie werden außerdem zu Paradoxiekünstlern, da sie regelmäßig entscheiden müssen, ob neue Impulse eine Regelabweichung oder ein Anlass zur Regelveränderung sind.

Organisationen, die die Welle reiten oder gar vor der Welle sind, nehmen die Ungewissheit ernst und stärken ihre Führungsfunktion. Sie haben dafür Verfahren entwickelt, Rollen verändert und in die Kompetenzen der Führungsinhaber investiert. Führung braucht Legitimation, Rahmung und Zeit. Und sie braucht mehrere Schultern und die Verfahren, mit der entsprechenden Vielfalt und Differenz gute Lösungen zu entwickeln.

Oft gibt es aber auch Hindernisse für das Bewältigen der Führungsherausforderungen. Hier werden nur ein paar entscheidende genannt: Führungskräfte versinken im Operativen oder in der Facharbeit, Führungskräfte rotieren in Hamsterrädern, Führungskräfte bekommen eine auf den Deckel, wenn sie Regeln in Frage stellen, Führungskräfte entscheiden keine unentscheidbaren Alternativen, weil sie für die Folgen in Haftung genommen werden und Schuld proaktiv abwehren...

Führung ist für Organisationen Bewusstsein und Einfluss zugleich. Sie stellt das Sensorium nach innen und außen, wertet aus und nimmt Einfluss. Führung ist die Lernfunktion einer Organisation, die die eigene Arbeitsweise hinterfragt und mitunter ins Betriebssystem eingreifen muss, um arbeitsfähig zu bleiben. Als „Bewusstsein der Organisation“ wendet sie Methoden des auswertenden Lernens an, die beurteilen, wie gut die Einflussnahmen greifen, ohne Schuldfragen zu benötigen und Korrekturen vorzunehmen. Ohne Führung gäbe es keine Sensibilität für den eigenen blinden Fleck und die Organisation überließe sich dem Autopiloten.

Führung ist Denken und Handeln gegen die Schwerkraft. Die Schwerkraft zieht die Organisationsmitglieder in die Routinen, so wie Odysseus vom Ruf der Sirenen angezogen wurde. Dieser Ruf ist verführerisch, bequem und naheliegend. Führung ist genau das Gegenteil.

Deswegen wundere ich mich als Berater manchmal, wenn Organisationen ihrer Führungsfunktion eine geringe Bedeutung beimessen. Führungskräfte vergessen ihren Auftrag und übernehmen operative Aufgaben. Oder sie nennen sich „Dienstleister“ und probieren sich in Gefälligkeit. Beliebt ist auch die Konzentration auf Fassadenarbeit.

Aus meiner Sicht braucht die Führungsfunktion eine besondere Aufmerksamkeit. Mein erster Blick in Organisationen geht immer dahin, wie es um sie bestellt ist.

Wenn Sie sich mit Führung beschäftigen wollen, empfehlen wir Ihnen unser Seminar Grundlagen der Führung, das von 29. - 31.05.2024 in unseren Räumen in Berlin stattfindet.

Grundlagen der Führung

In diesem Seminar schauen wir gemeinsam auf den Nutzen der Führungsfunktion für die Organisation. Davon leiten wir die Führungsaufgaben und die entsprechenden Führungsinstrumente ab und probieren einige davon aus.

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