Wie gehe ich mit Anderssein um? – Ein Interview mit Prof. Dr. Jürgen Henze

Interview Prof.Dr.Henze

Prof. Dr. Jürgen Henze ist Mitbegründer der Ausbildung Training & Coaching für interkulturelle Kompetenzen, die seit 14 Jahren bei artop erfolgreich angeboten wird. Die Schwerpunkte der Ausbildung sind Wissen über interkulturelle Kompetenz und Theorie sowie die Kompetenz der methodisch-didaktischen Umsetzung in Lern- und Beratungssettings.

 

In einem Gespräch mit Ragna Lienke von artop gibt Jürgen Henze einen Einblick in seine Arbeit und das Themenfeld:

Wir freuen uns, Dich als Experte für interkulturelle Kompetenz und Didaktik seit vielen Jahren in unserer Ausbildung vertreten zu wissen! Mit dem Interview möchten wir Dich unserem Netzwerk vorstellen. Und wir steigen mit dieser einfachen Frage ein: Wer sind Sie, Herr Henze?

Na ja, die Frage könnte besser lauten „wer sind Sie für wen?“, dann müsste ich antworten: Für mich bin ich der verheiratete, neugierige, fröhlich-chaotische Typ, der mit Unsicherheit besser umgehen kann als mit Struktur (etwas scherzhaft ausgedrückt!), und der mit diesen Eigenschaften zwischen 1993 und 2015 an der Humboldt-Universität zu Berlin Vergleichende Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Ostasien, speziell China, vertreten hat. Seit 2015 habe ich die angenehme Situation, als Seniorprofessor noch die Dinge pflegen zu können, die mir besonders am Herzen liegen: China mit seinen pädagogischen Traditionen für unsere heutige Zeit zu erschließen und parallel dazu auch die Thematik des Umgangs mit Anderssein im Lichte interkultureller Kompetenzentwicklung zu bearbeiten.

Wie kam es, dass Du Dich dem Thema interkulturelles Training gewidmet hast?

Wie so häufig im Leben: durch Glück und Zufall. In den neunziger Jahren musste in der Berliner Lehrerbildung von den Lehramtsstudierenden ein Pflichtschein erworben werden, der hieß „Arbeit mit ausländischen Schülerinnen und Schülern“ und der Dekan in unserer Fakultät suchte nach einer Person, die ein solches Lehrangebot entwickeln konnte und wollte. Gemeinsam mit einer damaligen Doktorandin, die ursprünglich aus der Vietnamistik kam, haben wir dann begonnen, die internationale Szene, vor allem die US amerikanische Psychologie und interkulturelle Kommunikationsforschung auf Theorien und Praxismodelle abzusuchen, die uns helfen könnten, die Frage „Wie bereite ich mich und andere auf sprachlich-kulturellen Fremdkontakt vor“ (oder anders gefragt: wie gehe ich mit Anderssein um?). Wir haben dann für uns das Feld „Theorie und Praxis (inter)kultureller Sensibilisierung/Kompetenzentwicklung“ bearbeitet und mit entsprechenden Lehrveranstaltungen am Institut für Erziehungswissenschaften eingebracht. Über die Jahre hinweg wurde dieses Angebot von zunehmend mehr Studierenden angenommen, am Ende wurde der Kinosaal benötigt. Irgendwie war das nicht schlecht.

Zum interkulturellen Training kam ich durch einen Zufall als eines der größten deutschen Privatunternehmen in der Automotivindustrie einen Anbieter für Trainings zur Vorbereitung auf asiatische Länder, vorzugsweise China suchte und ich den Zuschlag erhielt. Das hat es mir ermöglicht, die theoretischen Arbeiten und Erfahrungen vor Ort in diversen Regionen Chinas in die Konzeptionierung und Durchführung von Trainings einzubringen und für mehrere Jahre in dem Unternehmen durchzuführen. Das gab mir ein unschätzbares Potential zum Lernen und Experimentieren. Ich bin der Firma heute noch dankbar für diese Option, ohne die meine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema ganz sicher unbefriedigend geblieben wäre.

Was sind typische Anlässe für interkulturelles Training und Coaching und welche Fragestellungen stehen für die Kunden im Vordergrund?

Ich habe ja in den neunziger Jahren noch Trainings mit Expats als zentraler Zielgruppe gegeben, das dürfte sich aber international zunehmend deutlich verringern. Im Unternehmensbereich gehört internationale und interkulturelle Mobilität heute zur persönlichen Grundausstattung und der Bedarf an interculturalization-at-home – ich nenne das einmal so in Anlehnung an internationalization-at-home – steigt dagegen deutlich an. Dies hat einen erhöhten Bedarf an IT-gestützten Verfahren zur Nutzung von Lernumwelten zur Folge, die räumliche und zeitliche Unabhängigkeit bedienen und unmittelbaren situativen Zugriff auf definierte Wissensbestände und Informationen bedienen können. Als aktueller Trend lässt sich sicher die (inter)kulturelle Selbstintrospektion ausmachen, die früher auch Teil kulturallgemeiner Trainings war. Weiterhin treten zunehmend Mischformen auf: Mediation, virtuelle Teamarbeit, leadership training, die Kombination von interkultureller Kompetenz mit Diversity, jeweils in Abhängigkeit vom professionellen Feld des Kunden.

Was sollte man mitbringen als interkultureller Trainer/Coach?

Eine gute Portion Humor, Neugierde, Gelassenheit, Beobachtungssensibilität und gesunden Menschverstand. Ich weiß, das klingt schrecklich, aber wenn man die internationale Forschungsliteratur zu interkultureller Kompetenzentwicklung verfolgt, dann würden die genannten Persönlichkeitsmuster vor so manchen Fehlschlüssen bewahren. Sicherlich ist fundiertes Wissen um den Bereich, den ich als Trainerpersönlichkeit oder Coach vertreten möchte, in der Breite und mit Erfahrung verbundener körperlicher Einlagerung (embodiment) unabdingbar. Wissen ohne zu fühlen oder gefühlt zu haben, ist kein taugliches Wissen für diese Arbeit.

Wie entwickelt sich Deiner Meinung nach das Feld? Welche Trends gibt es und wie wird der Markt in 10 Jahren aussehen?

Schwer zu sagen, wie schon angedeutet werden online Optionen im oben beschriebenen Sinne zur Normalausstattung von Trainings gehören, sei es in der Vor- und Nachbereitung oder sogar durchgehend als begleitende Lern- oder Informationsoberfläche. Das zwingt kleinere Anbieter zum Finden einer Nische oder sie müssen mit entsprechendem Kapitaleinsatz an der elektronischen Revolutionierung von Trainings teilhaben.

Was macht Dir am meisten Freude an der Arbeit in unserer Ausbildung?

Alles, angefangen von der sehr angenehmen Örtlichkeit – artop hat wirklich tolle Seminarräume, die eine enthusiasmierende Atmosphäre generieren, aus chinesischer Sicht würde man sagen: ein gutes Qi haben – und dem stets engagierten, freundlichen Team bis hin zur exzellenten methodisch-didaktischen Ausstattung der Räume. Die einzelnen Jahrgänge der Ausbildung haben meine universitäre Arbeit außerordentlich bereichert, was ich aus der universitären Lehre und Forschung zum Test einbringen konnte, was ich von den Teilnehmer/innen lernen konnte – ich möchte die Zeit nicht missen. Und, wem sage ich das, Du als Psychologin, gut strukturiert, ich als der eher chaotisch-unstrukturierte Erziehungswissenschaftler, das war schon eine schöne Kombination, die ich schon vermissen werde und für die ich auch sehr dankbar bin. Ich denke, dass die Ausbildung von meinen Nachfolgern auf gleichem Niveau, vielleicht sogar noch besser zukunftsorientiert fortgesetzt wird. In jedem Fall wünsche ich allen Beteiligten viel Erfolg!

Vielen Dank. Ich freue mich auf unsere gemeinsame Arbeit in der im Juni startenden Ausbildung! Und bedaure es sehr, dass dies aus Altersgründen die letzte Gruppe sein wird, die Du bei uns aktiv begleitest.

 

Besuchen Sie Jürgen Henze:

In der Humboldt-Universität zu Berlin
https://www.erziehungswissenschaften.hu-berlin.de/de/vew/mitarbeiter/Henze/kontakthenze

Auf Linkedin
https://www.linkedin.com/in/juergen-henze-99b57b/

Die Ausbildung Training & Coaching für interkulturelle Kompetenzen befähigt dazu, selbstständig Trainings- und Beratungssequenzen für Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich in anderen Kulturen oder kulturell gemischten Gruppen orientieren wollen, konzipieren und durchführen zu können.

Die Ausbildung besteht aus sieben Modulen und beträgt 132 Ausbildungsstunden. Sie findet in unseren Seminarräumen in Berlin, Prenzlauer Berg statt. Nächster Start ist im Juni 2019. Ausführliche Informationen zu Umfang, Format und Inhalten der Ausbildung finden Sie hier: Ausbildung Training & Coaching für interkulturelle Kompetenzen

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